Europa und das Turkvolk

Jedes Ereignis hat bekanntlich sein Resultat. Das Resultat der Großen Völkerwanderung war der Staat Descht-i-Kiptschak, der größte in der Menschheitsgeschichte. Er wuchs mit großen Schwierigkeiten und lange auf, seine Grenzen schoben sich auseinander, je weiter die Reitertruppen zogen. „Wo unsere Pferde ihre Hufe setzen, da ist unser Land“, hieß es bei den Kiptschak. Seine Blütezeit erlebte der Staat unter dem unbesiegbaren Feldherrn Attila. Im 5. Jahrhundert, nach Attilas Tod, zerfiel der Steppenstaat. Das ist wohl das Schicksal aller übergroßen Länder, sie sind kurzlebig. Descht-i-Kiptschak ging unter, aber schuld daran waren nicht Feinde, auch nicht Katastrophen oder etwa Überschwemmungen. Die Schuld lag beim Turkvolk selbst. Es zerstörte seinen Staat mit eigenen Händen. Wie und weshalb geschah das? Kurz lässt sich das nicht beantworten. Das ist eine ganze Geschichte. Zuerst wurde das Land von Fehden erschüttert und in Dutzende Kleinstaaten aufgespalten. Aber das war nicht der einzige Grund seines Niedergangs. Die ganze alte, antike Welt hasste Descht-i-Kiptschak und ließ nichts unversucht, nur um ihm Schaden zuzufügen und sein Ende herbeizuführen. Besonders eifrig war hierbei Rom, das Römische Imperium. Dieses war eine Hervorbringung der antiken Welt, ihre Krönung. Einst war Rom ein Stadtstaat, dann eine Republik, in der die ganze Macht dem Senat gehörte. Die Senatoren stammten aus der Patrizierschicht, d. h. aus dem Adel. Julius Cäsar wandelte diese Regel um. An die Macht gekommen, machte er aus der Republik ein Imperium. In seiner Regierungszeit waren die Erfolge der Römer einfach fantastisch: Sie eroberten die Mittelmeerküste. Die antike Welt lag ihnen zu Füßen. Das Imperium lebte wie im goldenen Zeitalter, ohne Niederlagen zu kennen. Seinen Ruhm gründete sich nicht auf Handwerk, Kunst oder Religion. Berühmt machten das Reich seine Kriege. Das Land arbeitete für das Heer, das Heer diente dem Land. Die größten Feinde der Römer waren die Griechen. Beide Völker rivalisierten seit langem miteinander um den Handel mit dem Orient, namentlich mit dem Iran. Die Griechen lebten näher an die Iraner und beherrschten lange Zeit die Handelsstraßen nach Europa. Nachdem die Römer die Republik ausgerufen hatten, versetzten sie Griechenland einen vernichtenden Schlag, so dass die Griechen zu ihren Untertanen herabsanken. Siebenhundert sorglose Jahre dauerte die Macht von Rom: Das Imperium bestimmte seine Grenzen selbst und entschied eigenmächtig über das Schicksal Europas. Julius Cäsar setzte die Nordgrenze am Rhein fest und legte dort eine Reihe von Befestigungen und Festungen an. Kaiser Augustus seinerseits zog die Grenze im Osten, an der Donau. Das Reich wirkte wie eine uneinnehmbare Zitadelle. Der antike Geschichtsschreiber Plinius d. Ä. schrieb von jener Zeit des Imperiums wie von einer „unwahrscheinlichen Größe Roms“. Und er hatte recht mit seiner Behauptung. Doch Blitz kommt manchmal auch aus heiterem Himmel. Roms Ruhe wurde im Jahre 312 gestört, dicht an seinen Mauern. Die bis dahin unbesiegbare Armee, der Stolz der Kaiser, erlitt erstmalig eine furchtbare Niederlage. Die von den Griechen eingeladenen turkischen Reiter schlugen sie mühelos. Kaiser Maxentius fiel, von einem Säbel niedergestreckt. Nach jener Schlacht brach das Römische Imperium zusammen, es zerfiel in das Östliche und das Westliche Reich. Im Östlichen Reich herrschte der Grieche Konstantin, im Westlichen waren immer noch die Römer an der Macht. Aber das waren schon nicht die früheren selbstzufriedenen Römer. Ihnen blieben lediglich Erinnerungen an die alte Zeit übrig. Konstantin offenbarte sich als ein schlauer und tückischer Herrscher. In seinem Land verkündete er die Obermacht des turkischen Glaubens und zollte dem Turkvolk einen Tribut. Dafür bat er Descht-i-Kiptschak um eine Kleinigkeit: um Umsiedler, die in der griechischen Armee dienen, den Griechen den Bau neuer Städte und Tempel, die Bodenbestellung und Viehzucht beibringen sollten. Scheinbar hatte der Herrscher die friedlichsten Absichten. Auf diese Weise schläferte er die Wachsamkeit der Khane ein. Er erniedrigte sich, um Zeit zu gewinnen und mit den Händen der Angehörigen des Turkvolkes die Domination auf den Handelsstraßen aus dem Orient zurückzuerlangen. Dann sollten Zeit und Geld für die Griechen arbeiten. Darauf gründete er seine listigen Berechnungen. Kurzum, Konstantin nahm sich vor, die Große Völkerwanderung in einen neues Bett zu lenken: Die turkische Kultur ergoss sich wie ein umgeleiteter Fluss in die hellenische Welt und bereicherte diese. Es entstand eine neue Kultur, die später byzantinisch genannt werden sollte. Byzanz wurde in der Tat zu einem Land, in dem die Spuren des Altai buchstäblich in allem zu finden waren. Die Griechen übernahmen den Glauben der Kiptschak: Seit dem Jahr 312 beteten sie zu Tengri. Im Jahre 325 nannten sie den Tengri-Glauben skrupellos „griechisches Christentum“ und erklärten Kaiser Konstantin zu Gottes Statthalter auf Erden. Nach ihrer Vorstellung hatte kein anderer als Konstantin dem Großen Römischen Imperium ein Ende gesetzt. Die christlichen Griechen schonten den alten, heidnischen Glauben nicht. Sie zerstörten die alten Tempel und Paläste, vertrieben und mordeten die Priester. Blieb in Byzanz nach dem 4. Jahrhundert noch etwas griechisch? Das wird wohl niemand behaupten können. Um ihr Christentum zu betonen, vernichteten die Griechen die Bücher von Aristoteles, Platon, Herodot und anderen großen Gelehrten. Im Jahre 391 verbrannten sie sogar die berühmte Bibliothek von Alexandria mit ihren überaus seltenen antiken Handschriften. Nichts war ihnen heilig. Aber die Schätze der alten Welt verschwanden nicht: Die Kiptschak retteten sie. Nur dank ihnen weiß die Welt heute von Aristoteles oder Platon. Niemand denkt heute noch daran, dass gerade Angehörige des Turkvolkes tausend Jahre lang in ihren Bibliotheken Übersetzungen aus Europas antiken Autoren bewahrten. Zu der Zeit, da die Griechen die altertümlichen Handschriften verbrannten, kannte man im Westlichen Reich nicht den Glauben an den Gott des Himmels. Bis 380 erkannte das offizielle Rom nur Merkur als den größten Gott an und verfolgte Andersgläubige. Dem lag eine Berechnung zugrunde: Kaiser Valentinian träumte von einer Revanche. Er hasste die Kiptschak und machte kein Hehl daraus. Unter ihm erstarkte die römische Armee wie nie zuvor. Immer häufiger erwachte das Land zu den Trompetenklängen, die den Truppen das Signal zum Sammeln gaben. Gesagt sei, dass jener Kaiser eine rätselhafte Figur ist. Wer war er? Wie kam er auf den Thron? Bekannt ist nur wenig. Sein Vater war ein Offizier, doch nicht das ist wesentlich. Zeitgenossen wiesen auf das für einen Römer ungewöhnliche Aussehen des Kaisers hin: Er war blauäugig und blond. Ein echter Angehöriger des Turkvolkes. Mehr noch, in seine Armee nahm der Kaiser sehr gern turkische Söldner auf. Mit ihnen verständigte er sich mühelos. Auf welche Weise? Das ist ungewiss. Seine erste Prüfung musste er im Jahre 374 bestehen. Damals wanderten Aufklärer der Kiptschak ins Weströmische Reich ein. Nach der Überquerung des Ister (Donau) siedelten sie sich auf dem heutigen Territorium von Ungarn und Österreich an. Ihrem Beispiel folgte später eine ganze Horde. Rom konnte sich mit dieser friedlichen Unterwanderung natürlich nicht abfinden. Doch gleich in der ersten Schlacht wurde seine Armee in die Flucht geschlagen. Im Jahr darauf verließen die Römer das Schlachtfeld als Sieger. Freilich vergällte ihnen eine ihnen nachgeschickte Botschaft der Kiptschak das Fest. Sie kam ins Hauptquartier, ohne auch die geringsten Zeichen von Respekt zu zeigen, und verspottete die Sieger grob. Kaiser Valentinian konnte die Beleidigung nicht aushalten, er zitterte vor unbeschreiblicher Wut und starb an der Stelle. Auf den fruchtbaren Feldern an der Donau behaupteten sich turkische Städte und Stanizas, die ersten in Westeuropa. Die Ansiedler wurden „Hunnen“, „Alemannen“, „Ostgoten“ und „Westgoten“ genannt. Auch der Name des Westgoten-Khans hat sich erhalten, wenn auch in entstellter Form. Er hieß Fritigern. Mit diesem für einen Kiptschak sonderbaren Namen ist er für Jahrhunderte in Legenden und Chroniken eingegangen. Dafür haben uns die Namen der Sippenbegründer in nicht entstellter, d. h. in ihrer turkischen Form erreicht. Die Westgoten gehörten dem Geschlecht der Balten („Streitaxt“ in der Turksprache), die Ostgoten dem Geschlecht der Amaler („still“, „ruhig“, „sanft“ in der Turksprache) an. Das haben die europäischen Chroniken genau festgehalten. Am 9. August 378 setzten die römischen Truppen am Donauufer die turkische Reiterei erneut einer Prüfung aus und hatten sich wieder verrechnet. Ein Flankenangriff der Reiter war überraschend. Nach dieser Schlacht hatte das Westliche Reich seine Armee endgültig verloren. Deshalb musste Rom die Kiptschak anerkennen. Murad ADZHI www.adji.ru

18.10.13 09:32

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